TASSO – Von den Scheißjahren zu den Großkunden

Lesezeit: 2:30 Min.

Ich lebe von dem, was ich mir aufgebaut habe

Von Mexico, Südafrika, Shanghai, Athen und Hamburg zurück nach Meerane. Vom Facharbeiter für Fleischverarbeitung und Bauarbeiter zu einem der größten ostdeutschen Sprayer in den 90er und 00er Jahren. Vom Sammelbegriff Jens Müller zum Streetart-Künstler.

Mit Sprühdose vom Klettergerüst zum Buchautoren – ein Lebenslauf, den wirklich nicht jeder hinlegt. Weg von der Fleischertheke, raus den sächsischen Provinzen und rein die weite Welt, um dort für seine Kunst gefeiert zu werden, wo man es am wenigsten erwartet hätte. „Natürlich motiviert mich das Geldverdienen. Das ist eine ganz wichtige Sache. Ich lebe von dem, was ich mir aufgebaut habe“. Scheißjahre waren dabei, klar. Aber von seiner eigenen Kunst zu leben, bleibt kein Traum für TASSO. „Wir haben das Ding einfach gemacht“. Die Kunst steckt schon immer in ihm aber erst der Spielfilm „BeatStreet“ im Kino löste seine Faszination für Graffiti aus. „Wir kannten Graffitti im Osten. Es gab auch Sprühdosen eine Zeit lang aber nur bis sie verboten wurden…“.

 

 

Wir haben uns gefühlt wie die Größten

Zur Zeit der Wende hatte TASSO endlich wieder auf einem Restpostenverkauf Dosen in der Hand und entschied, der alten Zeiten wegen, nochmal loszulegen. Boom! „Wir haben uns gefühlt wie die Größten“. Um die Jahrtausendwende steigt TASSO auf bezahlte Auftragskunst um und versucht davon zu leben – es funktioniert. Während seine Künstlerfreunde aus der gegründeten Graffitigang „Maclaim“ bereits langsam an ihm vorbeizogen und international ausstellten, fertigte TASSO Leinwände für Auftragsarbeiten an. „Meine nächste Ausstellung war in Glauchau. Da hab ich mich schon gefragt: Was machst du eigentlich falsch, verdammte Scheiße“. Bevor alles gut werden kann, muss es einem gefühlt immer erst schmerzhaft bewusst werden, dass man etwas ändern muss. Müde, abgespannt, lustlos und unglücklich.

 

 

Nur noch Außenfassaden

Dann kam der Durchbruch: Mitten auf der Autobahn fasst er einen Entschluss für sich: Lass die Leinwände sein, mal nur noch Außenfassaden für deine Kunden an und genieß die freie Zeit, die du hast. Unter Druck entsteht keine Kunst, das merkt TASSO bereits im Kunstunterricht in der Schule. „Ich hatte keine Lust, Dienstag und Donnerstag von 17-19 Uhr kreativ zu sein. Als ich diese Entscheidung für mich getroffen habe, ist mir ein Stein vom Herzen gefallen“. Es folgen Großkunden, Existenzgründerkurse und ein eigenes Atelier. Nach einem Jahr Pause weiß TASSO, wo er jetzt hingehört. Noch immer auf Baugerüste (nur weniger illegal als zu Beginn seiner Graffiti-Karriere bei Nacht- und Nebelaktionen) aber auch auf neue Bühnen, denn Pinselstriche und Wörter haben es ihm angetan. Die Spraydose rückt ein wenig in den Hintergrund, dafür arbeitet TASSO an schwarzweiß Trippings und seinem zweiten Buch. Zu seinem 50. Geburtstag beschenkt er sich damit selbst. Auf 340 gebundenen Seiten und einer Vernissage zu seinen Werken erzählt er von seinen Streetart-Abenteuern und Reisen. Das Buch trägt den Titel „Am Ende fehlt doch immer was“ und lädt sofort zum Nachdenken ein…

 

 

Was macht man gegen die Angst?

Irgendwas fehlt eben immer, da hat TASSO Recht. Schwingt trotz Erfolg ein bisschen Angst mit, wenn man seinen Stil verändert und nicht mehr wie gewohnt als Fotorealist auftritt, sondern sich neuen Ufern zuwendet? Das Gegenteil ist der Fall – der Sprung in seiner Kunst kommt gut an. Was macht man gegen diese Angst, die in einem aufkommt? „Das war einfach: Ich war zu der Zeit in Indien“. Jetzt ist er wieder zurück und widmet sich nach seinem 50. Geburtstag der großen Frage, was nach den Reisen und dem Graffiti kommt… Am Ende fehlt ein eigenes Buch. Das schenkt er sich selbst. Irgendwas ist eben immer…

Text & Fotos: Anne Rosali

 

TASSOs HERO-Botschaft für euch:

Geht mit der richtigen Ernsthaftigkeit an eure Projekte. Mit der Selbstständigkeit verkauft ihr auch ein Stück weit eure Freizeit – das sollte euch bewusst sein. Bringt eigene Dinge, seid originell. Zeitgeist. Erfindet euch neu. Macht nicht den Kram, den andere schon um euch herum perfekt machen. Ihr müsst nicht wie Kandinsky malen können, denn das hat er zu seiner Zeit schon gemacht. Und ganz wichtig: Legt euer Geld beiseite!

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